Autor Thema: Der Feuertod  (Gelesen 2782 mal)

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Offline Alfred Ewald

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Der Feuertod
« am: 10. April 2013, 14:38:03 »
Es war Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Wer sich von früher in Reppist auskennt weiß, das die Eisenbahnstraße, die ja eigentlich die Qualität eines Feldweges hatte, von der Schmiedegasse aus in Richtung Senftenberg nach den letzten Häusern über einen kleinen unbeschrankten Bahnübergang führte. Dort brachte eine mit Kohle betriebene Lock die mit Briketts der damaligen Firma MATADOR beladenen Waggons zu den Gleisen der Reichsbahn.
Nach diesem Bahnübergang ging es leicht bergab und gleich unten rechts besaßen meine Eltern und meine Großmutter ein Stück Land. Acker und Wiese.
Neben den Gleisen der Fabrikbahn befand sich ein U-förmiger Abwasserkanal, ca.1 Meter breit. Durch diesen Kanal wurde Abwasser aus der Brikettfabrik in Sedimentationsbecken geleitet, die zwischen dem Feldweg in Richtung Senftenberg und den Gleisen der Reichsbahn lagen. Es handelte sich um dort immer warmes Wasser, das in der Brikettfabrik zuvor die Brikett-Stränge durch direktes Überfließen kühlte. Die Briketts kamen aus Pressen, wo sie durch mächtige hammerartige Schläge geformt und dabei sehr heiß wurden. Die Hitze musste abgeführt werden, da es sonst andernfalls zu Selbstentzündung der Briketts gekommen wäre.
Durch diese Kühlmethode fiel auch sehr viel Brikettbrösel an, der mit dem Wasser letztlich bis zu den Klärbecken weggeschwemmt wurde.
Durch das begrenzte Gefälle des Abwasserkanals kam es dazu, dass sich dort Brikettbrösel absetzen, was von Zeit zu Zeit dazu führte, dass der Kanal überlief. Das war auf mangelhafte Wartung zurück zu führen, denn der Abwasserkanal musste eigentlich von Zeit zu Zeit von seinen Sedimenten befreit werden. Das wurde oft versäumt und so kam es, dass manchmal tagelang das Wasser mit den Brikettbrösel auf die Wiese meiner Eltern floss. Dort war so nach und nach eine dicke Schicht Brikettbrösel entstanden. Das Wasser versickerte und das Gras wuchs teilweise nach, teilweise blieben dunkel aussehende Kohlestaubflächen zurück.
Meine Eltern hatten ihr erstes Kind, Hannelore, ein hübsches, liebes Kleinkind, wieder einmal gewohnheitsgemäß mit zur Feldarbeit mitgenommen, wo es begann, auf der Weise zu spielen.
Plötzlich schrie es auf, meine Eltern rannten hinzu und sahen, dass es in einem Glutnest lag. Es war entsetzlich. Hannelore kam ins Krankenhaus, hatte aber so viel Haut verbrannt, dass sie bald starb. Meine Mutter hatte den Tod ihres geliebten ersten Kindes bis zu ihrem eigenen Tode nie überwunden.
Was war passiert?
Die mit Kohle betriebenen Werkloks warfen mit ihrem Schornsteinrauch auch Funken aus.
Solche Funken waren auch auf ausgetrocknete Flächen von Brikettbrösel auf die Wiese gefallen und hatten das Kohlematerial zum Glimmen gebracht. Dieser Prozess schwelte im Boden, ohne dass man das sah, wo, denn es gab ja keine offenen Flammen.

Eine Kommission untersuchte dann den Tod von Hannelore und erkannte die Hauptschuld der
Brikettfabrik zu. Meine Eltern bekamen lediglich eine Entschädigung von wenigen hundert Reichsmark.
Man stelle sich vor, was so ein Fall heute für Kritik auslösen würde und wie teuer es für eine
Brikettfabrik werden würde. Die Zeiten haben sich geändert und das Thema technische Sicherheit und Umweltschonung haben heute einen viel höheren Stellenwert als damals bekommen.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der alte Zustand, wie er seit den zwanziger Jahren bestand, bis in die Zeit der DDR unverändert geblieben war. Ich kann mich erinnern,
wie wir als Kinder in den 50er und 60er Jahren immer wieder erlebten, dass der Kanal überlief und dass sich Brikettbrösel auf der Wiese meiner Eltern absetzten und dort auch monatelang vor sich hinglimmten.
« Letzte Änderung: 10. April 2013, 15:07:16 von Alfred Ewald »

Offline Frank66

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Antw:Der Feuertod
« Antwort #1 am: 11. April 2013, 07:39:02 »
Von Hannelores Unglück habe ich in den 1970ger Jahren gehört. Eine alte Frau hatte uns Kinder gewarnt, dort nicht zu spielen wegen der unterirdischen Brände und weil dort ein Kind verunglückt ist. Aber wir haben trotzdem dort gespielt.

War an der Stelle, wo sich das Sedimentationsbecken befand, zu DDR-Zeiten die Müllkippe?
« Letzte Änderung: 13. Januar 2017, 22:00:09 von Frank66 »

Offline Alfred Ewald

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Antw:Der Feuertod
« Antwort #2 am: 11. April 2013, 14:46:42 »
Dazu kann ich auch noch etwas sagen.

Gehen wir in Gedanken über den Übergang der Werksbahn am Ende der Eisenbahnstraße. Nach diesem Übergang schlängelte sich ein Pfad in Richtung Senftenberg, der zum Schluss wieder über Gleise führte. Nämlich über die von der Brikettfabrik MORGENROT.
Die Sedimentationsbecken befanden sch zwischen diesem Pfad und dem Gelände der Reichsbahn. Da waren nach meiner Erinnerung mindestens 3 Becken. Das Abwasser konnte wahlweise in verschiedener Reihenfolge hindurch geleitet werden. Wenn die Zeit gekommen war, dass sich sehr viel Sediment abgesetzt hatte, wurde der Wasserzulauf zu dem entsprechende Becken unterbunden und man ließ das Sediment an der Sonne vortrocknen. Schließlich wurde es in kleine V-förmige Kipploren geschippt und auf der gegenüber liegenden Seite des Pfades abgekippt. Dafür gab es leicht verlegbare Gleise für diese Loren.
Dort befand sich ja bereits eine Kippe mit dem ursprünglichen Aushub vom Bau der Becken.
Das darauf abgekippte Sediment wurde mit dem reichlich vorhandenen Aushub-Material abgedeckt.
Soweit so gut.
Aber irgendwann passierte es, dass auch dort die Kohlenmasse anfing zu glimmen. Vielleicht  durch Funkenflug, vielleicht durch kokelnde Kinder, vielleicht durch eine unachtsam weggeworfene Zigarette. Unterirdische Schwelbrände aus Kohlenmaterial sind nicht oder nur sehr aufwändig löschbar.
Glücklicherweise waren die meisten Orte der Schwelbrände (es waren immer mehrere) durch Rauchfahnen zu erkennen. Eine besonders aktive Zone befand sich am Kippenabhang in Richtung Spremberger Straße. Hier waren große, glimmende Höhlungen entstanden. Und wenn man in der Dunkelheit und bei Sturm die Spremberger Straße entlang kam, konnte man von weitem die dunkelroten Glimmnester und fortfliegende Funken sehen.

Offline Siegfried

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Übergreifend von 1943 an oder beginnend
« Antwort #3 am: 23. Dezember 2014, 16:53:35 »
Nun eine kleine Geschichte aus meinem Leben , meine Mutter war Hochschwanger als in Berlin Neuköln im Oktober 1943 unser Haus von einer Fliegerbombe getroffen wurde . Alle die im Keller waren wurden gerettet und auf einem LKW verladen . Ab gings zum nächsten Zug und der fuhr Richtung Senftenberg . Dieser Zug wurde wiederum von Flugzeugen angegriffen und so hielt der Zug in Reppist . Die Leute die im Zug waren wurden in Reppist bei anderen Bewohner verteilt und so kam es , dass wir ein Zimmer in der Spremberger Strasse ,  ich glaube es war die 22 unterm Dach sind wir untergekommen . So bin ich als fasst Berliner Anfang Februar 1944 dort geboren.1945 wurde meine andere Schwester auch dort geboren . Wir 4 Kinder und Mutter zogen von dort zur Werkstrasse 1 . Mein Vater war noch sehr lange in der Gefangenschaft. Von der Werkstrasse 1 ging es zur Werkstrasse 2 wo ich den Rest meiner Jugend bis 1961 verbrachte . Mein Vater ist wieder mit meinem grossen Bruder zurück nach Berlin Meine Mutter blieb aber in Reppist , sie hatte ja Arbeit bis 1958 war sie Untertage ( Entwässerungstollen ) und dort hatte sie als Schlepper gearbeitet. 1958 kam das Neue Gesetz heraus und die Frauen durften nicht mehr Untertage arbeiten . Meine Mutter musste noch mal zur Schule gehen und wurde dann Klappenschlägerin. Die letzten Jahre war sie aber als Rentnerin bei der Fahrradausgabe neben dem Trafohaus ( Umformer )was Heute noch steht .Bis 1986 wohnte meine Mutter in der Mittelstr. 2 Dieses Grundstück war ihr Eigentum bis es abgerissen wurde. Meine Mutter zog nach Senftenberg in die August Bebel Strasse den Umzug haben meine Frau meine Tochter  und ich gemacht.